Eingeschenkt

Die Weinsprache, ihre Blüten und Tücken

Die Weinsprache, ihre Blüten und Tücken iStock.com

Unter einem «schlanken» Wein kann ich mir etwas vorstellen...

... auch unter einem «molligen» oder einem «muskulösen». Schwieriger wird es, wenn ein Wein eine «sexy Frucht» haben oder gar «feminin» oder «maskulin» sein soll. Es gibt zum Beispiel Experten, die behaupten, Barolo sei eher männlich, Barbaresco dagegen eher weiblich. Und Barbera oder Dolcetto? Ihre Brüder und Schwestern im Piemont? Etwas dazwischen? Vielleicht. Aber was? Die Gendersprache könnte da ja vielleicht weiterhelfen... Aber diese Spekulationen lassen wir besser. Kürzlich wurde mir in einer Weinkolumne ein Tropfen als ausgesprochen «erotisch» angepriesen. Nach reiflichem Überlegen, was damit wohl gemeint sein könnte, habe ich ihn dann trotzdem nicht bestellt...

Und da wir schon einmal auf heiklem Terrain sind: Von der Rebsorte Pinot Noir habe ich schon mal gelesen, sie sei schwierig, eine «Diva» oder gar eine «Zicke» im Rebberg. Und dann im Glas? Da muss der Wein «sinnlich und verführerisch» schmecken, «so süss und sehnsuchtsvoll wie halb vergessene Erinnerungen an die Sommer der Kindheit». Ok, sagt sich der Marketingexperte. Das gefällt mir. Und die Preisliste passen wir gleich an...

Wein ist ein wunderbares Getränk, er weckt Emotionen und kann einen wie jede sinnliche Erfahrung tatsächlich in «vergessene Erinnerungen» entführen. Und da ist es ganz natürlich, dass poetische Talente geweckt werden. Denn jeder und jede schöpft dabei aus dem eigenen Schatz der Erinnerungen. Ich würde nicht einmal die Ausdrücke der Jugendsprache verurteilen: Ein Wein kann tatsächlich einen Wow-Effekt auslösen. Und nichts spricht dagegen, diesen Effekt auch mit Nachdruck auszusprechen. Diese ganz persönlichen Assoziationen sind nie falsch, ausser wenn dabei die Grenzen des guten Geschmacks oder der «Political Correctness» überschritten werden und diese Grenzen sind ganz offensichtlich fliessend und verlangen ein sicheres Stilgefühl.

Etwas ganz anderes ist es natürlich, wenn man einen Wein objektiv beschreiben will. Das ist vor allem bei Fachleuten der Fall. Und bei denen gelten dann genau standardisierte Kriterien und Regeln: Der Ablauf ist immer der gleiche, nach Farbe, Geruch und Geschmack. Aber auch die dabei verwendeten Fachausdrücke sind weitgehend festgelegt, sodass jeder Leser darunter auch immer das Gleiche versteht.