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Die Zeit der Weinlese

Die Zeit der Weinlese iStock.com

Es ist wieder so weit: Die Trauben der letzten Rebzeilen werden mit dem blumengeschmückten Traktor in die Kellerei gefahren.

Endlich hat die Plackerei im schattenlosen Weinberg ein Ende. Das Heer von Saisonarbeitern kann sich an die langen Tische setzen, die Beine strecken und den schmerzenden Rücken dehnen. Bald schon spielt das Akkordeon und vielleicht mag sogar noch jemand tanzen.

Es ist jedes Jahr fast wie in der Lotterie. Der Winzer und seine Berater müssen festlegen: Heute beginnt die Lese, wir warten keinen Tag länger, nein, heute stimmt alles. Und das heisst, die Trauben haben ihre optimale Reife erlangt, das Wetter spielt mit und die Leute sind da. Drei Faktoren also, die passen müssen und auf die alles ankommt.

Die optimale Reife erreichen die Trauben nur für ein paar wenige Tage. Vorher ist die Lese zu früh, nachher zu spät. Sie hängen in der Sonne und baden im Licht. Dabei entwickeln sie Zucker, der später im Keller zu Alkohol vergoren wird, der Winzer und der Weinliebhaber danken es ihnen. Gleichzeitig aber baut die Traube auch Säure ab. Der später aus ihr gekelterte Wein verliert damit an Frische und Lebendigkeit, oft auch an aromatischer Fülle. Es gilt also, den Zeitpunkt zu finden, wo sich beides, Zucker und Säure, in einem optimalen Gleichgewicht befinden. Und der ist für jede Rebsorte, für jedes Jahr und für jeden Rebberg anders. Schlaflose Nächte sind für den Winzer vorprogrammiert.

Das Wetter ist die nächste Hürde. Vielleicht sind die Trauben noch nicht ganz so weit, aber eine Regenfront nähert sich. Oder vielleicht doch nicht? Soll der Winzer zuwarten und auf Risiko spielen? Sein Jahresgehalt und das seiner Familie stehen auf dem Spiel. Und wieder sind schlaflose Nächte vorprogrammiert. Ja und vor der Tür stehen die Erntearbeiter. Sie kosten jeden Tag, an dem sie warten und Daumen drehen, statt im Weinberg zu ernten...

Aber jetzt ist alles getan: Die Traktoren sind geschmückt und die Trauben im Keller. Es ist geherbstet, wie man hierzulande sagt, und heute kann man feiern. Morgen allerdings beginnt die Arbeit von Neuem: Der Winzer hat seine Pflicht getan, jetzt muss der Kellermeister die seine tun, Entscheidungen fällen, schlaflose Nächte durchstehen, und hoffentlich gibt es für alle auch ganz am Schluss etwas zu feiern.