Eingeschenkt

Rosé – schön, verführerisch und nicht umstritten

Rosé – schön, verführerisch und nicht umstritten iStock.com

Jeder kennt sie, die sogenannten «Weinkenner» (mit und ohne Anführungszeichen), welche gleich die Nase rümpfen, wenn sie nur schon das Wort Rosé hören.

Sollte jemand dann noch die Frechheit besitzen und von einem lauen Sommerabend und einem kühlen, beschlagenen Glas Rosé schwärmen, dann ist der Religionskrieg erklärt. Rosé könne und dürfe man nicht ernst nehmen, Rosé sei einfach kein richtiger Wein. Punkt! Um diesen Krieg zu verstehen, muss man etwas tiefer in den Charakter des so geschmähten Weines eintauchen:

Im Weinberg wachsen weisse und rote Trauben und daraus macht man weissen und roten Wein. Etwas Drittes gibt es nicht. Aber... wo nimmt dann der Rosé seine schöne und verführerische rosa Farbe her? Man denkt sich, ganz einfach: Indem man Rotwein und Weisswein mischt. Falsch! Genau das ist in der Schweiz und in der EU verboten. Eine Ausnahme allerdings gibt es: Der rosa Champagner wird meistens genau so gemacht.

Ja, und der ganze Rest, die vielen Rosés, die unsere Sommernächte verzaubern? Wie kommen denn die zustande? Sie werden ausnahmslos aus roten Trauben gekeltert. Das Fleisch einer roten Traubenbeere ist nämlich ziemlich farblos, und der Saft, der aus ihr gepresst wird ebenso. Die Farbe kommt aus den Beerenhäuten. Je länger der gärende Saft und diese Häute zusammen «eingeweicht» (der Fachmann sagt, eingemaischt) werden, umso dunkler wird der Wein. Man rührt und mischt, um möglichst viel Farbe und andere Aromastoffe aus den Häuten herauszulösen. Der Alkohol, der sich bei der Gärung bildet, hilft da natürlich kräftig mit. Das kann viele Tage dauern, bis der Kellermeister sagt: «so, jetzt stimmt’s», und den Wein abpresst. Beim Rosé hingegen unterbricht man diesen Prozess schon nach wenigen Stunden. Je nachdem wird der Wein ganz hell, im Extremfall ist er sogar fast weiss, oder er hat erst eine leichte rosa Tönung. Viele Rosés sind dagegen schon auf dem Weg zu einem hellen Rotwein, der allerdings immer noch ein Rosé ist, und deshalb nicht die Tiefe und das Gewicht eines «richtigen» Rotweins besitzt.

Die sogenannten Weinkenner triumphieren: Genau das sagen wir ja, Rosé ist nichts anderes als eine Art kastrierter Rotwein, den man nicht wirklich ernst nehmen kann. Und wir anderen sagen: Gerade deshalb schmeckt er uns! Und genau das ist die Hauptsache: Er schmeckt uns! Und genau deshalb schenken wir uns ein kühles Glas ein und geniessen den Sommerabend. Punktum.