Reisen

Weinachtsmarkt in Heidelberg

Weinachtsmarkt in Heidelberg N. Bollinger

Einzigartige Stimmung auf dem Marktplatz, dem Herzstück des Heidelberger Weihnachtsmarkts.

Sehnsuchtsort, Touristenmagnet, Postkartenkitsch und Universitätsstadt – Heidelberg ist immer eine Reise wert. Aber ganz besonders während des Weihnachtsmarkts.

«Heidelberg wieder zu sehen, muss ganz wunderbar sein, nur daran zu denken bringt mich in einen ganz eigenen Zustand», schrieb Heinrich Heine 1832 in einem Brief an einen Freund und drückt damit aus, was die Stadt am Neckar seit Jahrhunderten darstellt: Einen Ort der Sehnsucht, Inbegriff der Romantik, auf mysteriöse Weise der Welt etwas entrückt, fast etwas zu idyllisch, zu imposant, zu kitschig, zu plakativ mit Geschichte übersättigt. Wieso Heidelberg mit seiner prachtvollen Altstadt Jahr für Jahr Millionen von Besuchern anzieht, ist daher leicht zu verstehen. Über allem steht die ikonenhafte Ruine des Heidelberger Schlosses. Die Lage könnte eindrucksvoller nicht sein: Steil erhebt sich dieses aus rotem Neckartaler Sandstein gefertigte Monument über dem Talgrund am Nordhang des Königstuhls, inmitten grüner Wälder. Der Blick von den Terrassen über die Neckarstadt ist atemberaubend. Die glanzvolle und wechselhafte Geschichte des Heidelberger Schlosses begann, als sich die rheinischen Pfalzgrafen und späteren Kurfürsten in Heidelberg mit ihrer Residenz niederliessen. Im Jahre 1225 wird die Burg zum ersten Mal erwähnt. Bis zum Dreissigjährigen Krieg stand das Schloss für einen der bedeutendsten Höfe des Reichs, ehe es Ende des 17. Jahrhunderts im Pfälzischen Erbfolgekrieg von den Franzosen in mehreren Anläufen zerstört wurde. Im Jahre 1764 zeigten die Naturgewalten sich besonders unbarmherzig; zwei Blitzeinschläge setzten die einst prachtvolle Residenz in Brand und hinterliessen jene Ruine, die in der deutschen Romantik des 19. Jahrhunderts zum Sinnbild für Krieg und Vergänglichkeit wurde. Für Dichter und Maler eine schier unermessliche Quelle der Inspiration. Die Höhen des Geistes bestimmen seit jeher die Geschicke Heidelbergs, beherbergt die Stadt doch Deutschlands älteste Universität und gleichzeitig eine der besten. Grosse Namen bestimmen die Geschichte der 1386 gegründeten Ruprecht-Karls-Universität, unter ihnen der Philosoph Georg Willhelm Friedrich Hegel, der Chemiker Robert Bunsen, der Physiker Hermann von Helmholtz, der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler Max Weber oder der Philosoph Karl Jaspers. In den wichtigsten Hochschulrankings belegt die Uni in der Medizin, den Biowissenschaften, in der Physik, der Chemie und der Mathematik stets Spitzenplätze. Aber auch das Deutsche Krebsforschungszentrum oder mehrere Max-Plank-Institute sind hier angesiedelt.

Das Hotel Ritter mit seiner prächtigen Fassade ist eines der markantesten Gebäude der Altstadt. N. Bollinger

Das Hotel Ritter mit seiner prächtigen Fassade ist eines der markantesten Gebäude der Altstadt.

Die Heiliggeistkirche inmitten der Heidelberger Altstadt. N. Bollinger

Die Heiliggeistkirche inmitten der Heidelberger Altstadt.

Bodenständiger geht es weiter unten in der Altstadt zu und her. Vor allem kulinarisch. Als zentrale Achse zieht sich die Hauptstrasse fast schnurgerade durch die Stadt und verzweigt sich links und rechts immer wieder in verwinkelte kleine Gassen, gesäumt mit Cafés, Kneipen und natürlich Studentenlokalen (wie etwa «Seppl» oder «Zum Roten Ochsen»), traditionsreiche Wirtschaften, bis unters Dach geschmückt mit Devotionalien schlagender Verbindungen. Wer in dieser Umgebung deftige Spezialitäten aus der Region geniesst wie etwa Pfälzer Sauerkraut, gekochte Ochsenbrust, Badische Schäufele, Sülze vom Eisbein, Pfälzer Bauernbratwurst, Sauerbraten mit Spätzle oder einen deftigen Pfälzer Teller mit Blut- und Leberwurst, der wird auf jeden Fall glücklich sein. Während des Weihnachtsmarkts gesellt sich zu jener Glückseligkeit ein ganz besonderer Zauber. Das Flackern Abertausender Kerzen und Lichter taucht die mittelalterlichen Gassen und Plätze in ein faszinierendes Wechselspiel von Licht und Schatten, überall erklingt Musik, zu deren Takt ein altes Karussell sich dreht; die Düfte von Zimt, Lebkuchen, Glühwein, Eierlikör, Schokolade, Bratwürsten, Schupfnudeln, saftigem Schinken und Honigwein vermischen sich zu einer unvergleichlichen Melange, wie sie nur ein Markt dieser Art hervorbringen kann. Auf dem Bismarckplatz, dem Eingang zur Altstadt, sorgen die ersten Stände für vorweihnachtliches Flair; beim Anatomiegarten, wo sonst die Statue des einst in Heidelberg lehrenden Chemikers Robert Bunsen ein recht einsames Dasein fristet, gesellen sich weitere Buden mit Kunsthandwerk und Leckereien dazu. Auf dem Universitätsplatz, mit fast 70 Ständen der grösste des Weihnachtsmarkts, reiht sich ein Wärme spendender Glühweinstand an den nächsten, über Feuern braten Würste in Hülle und Fülle. Das gibt es auch auf dem Marktplatz, gleich bei der imposanten Heiliggeistkirche, wo sich in der Bürgerhütte auch Vereine und Schulen mit ihren Projekten vorstellen. In diesem Jahr kommt hier eine neue Attraktion hinzu: Das Heidelberger Fass. Ein hölzernes grosses Fass mit einem Fassungsvermögen von sage und schreibe 120 000 Litern. Damit ist es etwa halb so gross wie das berühmte Original, nämlich das Grosse Fass im Heidelberger Schloss – seines Zeichens das grösste Holzfass der Welt. Im Inneren der kleineren Version gibt es über dem Verkaufsstand einen Raum mit herrlichem Logenblick auf das Markttreiben und das märchenhafte Winterwäldchen auf dem benachbarten Kornmarkt. Wer sportliche Betätigung sucht oder Hand in Hand vor romantischer Schlosskulisse ein paar Runden drehen will, der geht zum Karlsplatz, wo eine der schönsten Eisbahnen Deutschlands ein winterliches Schlittschuhvergnügen bietet. Zu kalt? Dann hinein ins Warme. Etwa in die altehrwürdigen Gemäuer des Hotels Zum Ritter St. Georg, inmitten der Altstadt, zentral gegenüber dem alten Rathaus gelegen, gehört das Haus mit seiner prachtvollen Fassade zum historischen Stadtbild Heidelbergs. Dessen Restaurant Ritterstube ist denn auch über die Stadtgrenzen hinaus bekannt als eine hervorragende Adresse für die Spezialität der Saison: Gänsebraten, zart und saftig, serviert mit fruchtigem Rotkraut, Marroni, Äpfeln und Knödeln. Fantastisch, denn nun kann man sich gestärkt wieder ins Getümmel des Markts stürzen.

Einfachheit in Vollendung: Brot und Butter im «Le Gourmet» N. Bollinger

Einfachheit in Vollendung: Brot und Butter im «Le Gourmet»

Das grosse Fass im Heidelberger Schloss ist das grösste Holzfass der Welt. N. Bollinger

Das grosse Fass im Heidelberger Schloss ist das grösste Holzfass der Welt.

Für den Fall, dass man dem ganzen Trubel dann doch entfliehen möchte, hält Heidelberg auch noch seine andere, ruhige Seite bereit. Am rechten Neckarufer, im Stadtteil Neuenheim, wo sich das Bildungsbürgertum seine repräsentativen Prachtsvillen errichtet hat, lässt es sich vortrefflich flanieren, am besten auf dem steilen Philosophenweg hinauf zum Heiligenberg, wo der Blick auf das gegenüberliegende Schloss sich besonders lohnt. Einst wandelten hier Gelehrte in steifen Gehröcken und lockerten ihre Gedanken beim Spaziergang – oder aber man regt beim Schlendern den Appetit an, um in der nahe gelegenen «Hirschgasse» einzukehren. Nicht irgendein Gasthaus, sondern das älteste Heidelberger Hotel – 1472 erstmalig urkundlich in der Stadtchronik erwähnt – sowie auch das älteste Mensurhaus Deutschlands. Wo in Studentenkreisen einst leidenschaftlich mit scharfer Klinge gefochten wurde, kommen heute vornehmlich Messer und Gabel zum Einsatz. Der hungrige Gast hat die Qual der Wahl: In der historischen «Mensurstube» am uralten Kachelofen, an dem schon Mark Twain gesessen hat, Platz nehmen und sich vom hauseigenen Charcuteriewagen direkt am Tisch mit köstlichen Pasteten und Terrinen, zartem Roastbeef, Räucherlachs aus der Eifel und ausgesuchte Käsesorten vom Affineur Waltmann verwöhnen lassen? Oder sich nebenan in opulentem historisch-elegantem Interieur des «Le Gourmet» einem Menü der Spitzenklasse hingeben?

Bressehuhn mit Eigelb und Blumenkohl im «Le Gourmet» N. Bollinger

Bressehuhn mit Eigelb und Blumenkohl im «Le Gourmet»

Was Küchenchef Mario Sauer im vielleicht schönsten Speisesaal Heidelbergs (edle Stoffbespannungen, jahrhundertealten Sandsteinwände, knorriges Gebälk, antiker grünen Kachelofen) servieren lässt – regional inspirierte Gourmetküche mit französischem Einschlag – lässt kaum Zweifel daran aufkommen, dass das «Gourmet» immer wieder als bestes Restaurant der Stadt gehandelt wird. Das beginnt schon beim grandiosen Service. Wo sonst rollt man eigens einen Gin-Wagen an den Tisch, um den Gast mit einer Gin-Tonic-Kreation auf das Menü einzustimmen? Der vom Sommelier empfohlene «Illusionist» Dry Gin aus München erweist sich als die perfekte Wahl mit einer überraschenden Pointe: Ein tiefblauer Gin mit floralen Noten; erdig-würzige Macis, ein Hauch Süssholz, fruchtige Zitruszesten… Und kaum gibt man das Tonic dazu, wandelt er sich von einem satten Blau in ein sanftes Hellrosa. Überraschend auch der kulinarische Auftakt. Etwas so Einfaches wie Brot und Butter wird als wahres Kunstwerk serviert, ein Turm aus lauwarmem, knusprig angeröstetem Schwarzbrot und filigran geschabte Röllchen dieser exzellenten hausgemachten Salzbutter – so simpel, so gut! Alsbald folgt ein Highlight auf das nächste: Eine makellose Langoustine mit confierten Chicoréespitzen und Haselnüssen; ein perfekt gebratenes Bruststück vom Bressehuhn mit leicht geräuchertem Eigelb und Blumenkohl, teils geschmort, teils als Schaum. Als brillanter Gemüsegang erweist sich der im Torfteig gebackene Kohlrabi mit Kürbiskraut und Herbsttrompeten – «Wer braucht da überhaupt noch Fleisch?», möchte man sich fragen, ehe einem der rosa gebratene Hohenloher Rehrücken mit Quitte, Rotkraut und Serviettenknödel sogleich wieder umstimmt. Und selbstverständlich rollt noch der erstklassig bestückte Käsewagen an. Ob man statt des Desserts das süsslich-rauchige Barbecue von der Gänseleber geniessen möchte? Oh verfluchte Dekadenz, unmöglich, hier nein zu sagen… Heidelberg meint es gut mit seinen Besuchern - und Heine hat recht: «Heidelberg wieder zu sehen, muss ganz wunderbar sein, nur daran zu denken bringt mich in einen ganz eigenen Zustand.»

Das Heidelberger Schloss dominiert auch während des Weihnachtsmarkts die Szenerie. N. Bollinger

Das Heidelberger Schloss dominiert auch während des Weihnachtsmarkts die Szenerie.

Auf dem Markt bleibt kaum ein kulinarischer Wunsch unerfüllt. N. Bollinger

Auf dem Markt bleibt kaum ein kulinarischer Wunsch unerfüllt.

Gänsebraten mit Knödeln und Beilagen in der «Ritterstube». N. Bollinger

Gänsebraten mit Knödeln und Beilagen in der «Ritterstube».

NÜTZLICHE INFORMATIONEN

Wo es sich am besten essen, einkaufen und staunen lässt.

z.B. mit dem Zug ab Basel, mehrmals täglich in ca. 2,5 h.

z.B. mit dem Zug ab Basel, mehrmals täglich in ca. 2,5 h.