Die Entenretterin Redaktion KOCHEN

Die Biotope sind das Herzstück der Anlage. Denn: Pommernenten müssen wirklich tauchen können; ein simples Planschbecken reicht nicht aus.

Reportage

Die Entenretterin

Ein schweizweit einzigartiges Projekt: In Villaret FR züchtet Anja Tschannen Pommernenten, um diese alte Rasse vor dem Verschwinden zu bewahren.

Pekingente? Klar, die kennt wohl jeder. Auch von der Barbarieente haben vielleicht die meisten schon gehört, aber von der Pommernente? Kein Wunder, denn die Bestände dieser Rasse sind verschwindend klein. Früher war das einmal ganz anders; ab ca. 1920 wurde die Pommernente auch in der Schweiz gezüchtet und wegen ihrer Legeleistung und ihres Fleisches sehr geschätzt. Ihren Namen hat diese Rasse aus geschichtlichen und geografischen Gründen: Bis 1815 gehörte das Land Vorpommern, wo diese Enten hauptsächlich gezüchtet wurden, zu Schweden, weshalb sie früher auch als «Schwedenente» bezeichnet wurde. Heute gibt es in Deutschland nur noch eine Handvoll Züchter – in der Schweiz gibt es unter anderem Anja Tschannen. Seit sieben Jahren züchtet die junge Agronomin in Villaret FR, etwa sechs Kilometer von Fribourg entfernt, erfolgreich Pommernenten und leistet einen unschätzbaren Beitrag, um diese Tiere vor dem Verschwinden zu bewahren. Darauf hat sich Tschannen mittlerweile spezialisiert: Unter dem Hofnamen «Swissrara» hält, züchtet und verkauft sie vom Aussterben bedrohte Nutztierrassen und stellt Hofprodukte her, damit die Vielfalt dieser Rassen durch aktives Nutzen langfristig erhalten wird. Die Initialzündung und das Aushängeschild ist und bleibt jedoch das Projekt mit den Pommernenten, in der Schweiz das einzige seiner Art. Angefangen hat alles im Jahr 2015, als Anja ein Thema für die Bachelor-Abschlussarbeit des Agronomie-Studiums suchte. «Ich wollte schon immer etwas mit alten Rassen machen und fragte mich daher: Was gibt es noch nicht?» Und weil die Antwort bald einmal «Pommernenten» lautete, baute Tschannen die Wiese hinter dem Hof der Familie sukzessive zum Entengehege aus. Mittlerweile tummeln sich dort auch noch Diepholzer Gänse, Appenzeller SpitzhaubenHühner, Appenzeller Barthühner und Schweizer Hühner, wie die Enten alles Pro-Specie-Rara-Rassen. Viel Arbeit für ein «Hobby», denn hauptberuflich arbeitet Tschannen zu 80 Prozent als Journalistin beim «Schweizer Bauer». Irgendwann ist das Ziel natürlich der eigene Hof, mit Freilandgemüse, Beerenanlage und Rindern, Evolèner und Rätisches Grauvieh besitztdie 32-Jährige bereits.

Beim Betreten des Geheges stechen die Pommernenten mit ihrem blaugrauen bis schwarzgrünlich schimmernden dunklen Gefieder und der weissen Brust sofort ins Auge. Und natürlich der auffallend elegante Körperbau, der es ihnen ermöglicht, sich sehr gut im Gelände zu bewegen: «Sie wiegen natürlich viel weniger als eine Pekingente; im Vergleich dazu sind Pommernenten geradezu mickrig», sagt Tschannen. Als Landenten können sie übrigens nicht wirklich fliegen, denn dazu ist die Flugmuskulatur schon rein anatomisch nicht in der Lage, ihnen fehlt schlicht die Kraft. Als robuste Rasse sind sie das ganze Jahr über draussen, haben aber jederzeit die Möglichkeit, sich in ein Häuschen zurückzuziehen.

Redaktion KOCHEN
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Wie alle Enten sind auch Pommernenten Allesfresser; nach dem Aufzuchtfutter fressen sie Mais und Weizenkörner, Futter aus der Region, direkt aus der 2 km entfernten Mühle, und natürlich allerlei Insekten, die sie im Boden, zwischen den Steinen und im Wasser finden. Gerade bei dieser Rasse kommt dem Wasser eine besondere Bedeutung zu. Die zum Gehege gehörenden Wasserspeicherteiche werden mit eigenem Quellwasser versorgt und sind 85 cm tief, damit die Tiere wirklich tauchen können. «Nur das ist wirklich artgerecht», weiss Tschannen, denn «das Gewässer ist der Mittelpunkt ihres Lebens». «Köpfchen in das Wasser, Schwänzchen in die Höh‘», das kommt nämlich nicht von ungefähr: Das sogenannte Gründeln ist für die Enten ein typisches Verhalten: das Untertauchen mit Kopf und Hals, um am Boden nach Nahrung zu suchen. Mit dem Schnabel suchen sie den Grund nach Essbarem ab oder sieben es aus dem Schlamm heraus. Dieses Verhalten machte sich Anja in einem Pilotversuch zunutze: Elf Enten durften während zweier Monate in den Reisfeldern des lokalen Produzenten «Riz du Vully» verbringen, quasi als natürliche Unkraut- und Insektenvernichter. Das passt, denn ein Reisfeld ist der ideale Ort für die Enten: Es hat Wasser, Schlamm und jede Menge Krabbeltiere. «Sie sind wie kleine Schweine: Sie graben wirklich alles um und lieben es!»

Die Enten, die sich momentan auf dem Hof tummeln, 53 an der Zahl, sind Ende April nach einer knapp einmonatigen Brutdauer geschlüpft, die ersten Wochen mussten sie jedoch drinnen verbringen, gut geschützt vor dem Fuchs, aber auch vor Krähen und Greifvögeln wie dem Habicht. Nach fünf bis sechs Monaten sind die Pommernenten schlachtreif, aber eigentlich könnte man auch länger warten, denn das Fleisch wird mit zunehmendem Alter fester, aber auch aromatischer, 1.5 bis 2.4 kg (Schlachtgewicht) wiegen sie dann meistens, das ist ein Drittel dessen, was eine Pekingente zu diesem Zeitpunkt auf die Waage bringt. Das Schlachten übernimmt die Metzgerei Kopp in Heimisbach BE, trotzdem ist Anja immer bis zum Ende dabei. Für sie gehört das zu ihrer Verantwortung als Tierhalterin. Das sei einfach eine Frage des Respekts gegenüber dem Tier: «Ich war bei der Geburt dabei und ich bin es bis zu ihrem Tod.» Wer sich nun aber spontan von der Qualität des Fleisches überzeugen möchte und einfach mal bei Anja vorbeifährt, wird enttäuscht. Ohne Vorbestellung zum Jahresbeginn geht es nicht. Das Fleisch ist nämlich recht begehrt, zu den Kunden gehört auch ein gewisser Andreas Caminada …